Wiesbaden zeigt, wie‘s geht: Rot-Grüner Schulterschluss führt zu Wahlerfolg_Gastbeitrag von Constantin Schäfer

constantin„Sensation in Hessen“, „Überraschungssieger SPD“, „CDU verspielt Zehn-Punkte-Vorsprung“ – so und ähnlich titelte die überregionale Presse im März dieses Jahres über die politischen Ereignisse in Wiesbaden. Doch was war in Hessens Landeshauptstadt eigentlich passiert?

Bei der Oberbürgermeisterwahl am 24. Februar hatte der amtierende OB Helmut Müller (CDU) mit 48,0% etwa zehn Prozentpunkte Vorsprung vor dem SPD-Kandidaten Sven Gerich. Aufgrund des Verfehlens der absoluten Mehrheit musste dennoch die Stichwahl die Entscheidung bringen. Und da wurde es dramatischer als erwartet: Innerhalb von nur drei Wochen holte der Herausforderer Gerich seinen Rückstand vollständig auf und siegte schließlich am Ende eines außergewöhnlichen Wahlkrimis mit einer hauchdünnen Mehrheit von 50,8 Prozent. Die CDU verlor damit seit der Bundestagswahl 2009 die 27. Großstadt-Bürgermeisterwahl in Folge, DIE ZEIT bescheinigte den Konservativen endgültig ein „Großstadt-Fiasko“.

Im Hinblick auf die aktuellen Umfragewerte zur Bundestagswahl erscheint ein genauerer Blick auf das Wiesbadener Frühlingsmärchen vielversprechend. Wie konnte es zu dieser fulminanten Aufholjagd kommen?

Eine rot-grüne Erfolgsgeschichte

Ermöglicht wurde Gerichs Erfolg in der Stichwahl maßgeblich durch die Unterstützung der Wiesbadener Grünen, deren eigene Kandidatin zuvor bei der Hauptwahl unter ihren Möglichkeiten geblieben ist. Der SPD-Kandidat stand den Grünen daraufhin in einer Mitgliederversammlung zu mehreren zentralen landespolitischen Themen Rede und Antwort. Offenbar überzeugten seine inhaltlichen Positionen und seine Bereitschaft zum Kompromiss. Denn die Grünen sprachen sich am Ende der Versammlung mit großer Mehrheit für eine Wahlempfehlung aus.

Der Grünen-Kreissprecher Daniel Sidiani positionierte sich außerdem unmittelbar vor der Stichwahl über die sozialen Medien auf Seiten des Sozialdemokraten: „Ich teile nicht jede seiner Positionen. Aber ich hoffe auf einen neuen Oberbürgermeister [...]. Deshalb unterstütze ich morgen in der Stichwahl Sven Gerich. Lasst uns die Überraschung möglich machen!“ Das dazu passende, aussagekräftige Foto (siehe unten) machte schnell im Netz die Runde. Der rot-grüne Schulterschluss wurde nun auch bildlich untermalt.

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Grünen-Kreissprecher Daniel Sidiani (links) und der neue Wiesbadener Oberbürgermeister Sven Gerich (rechts) im Vorfeld der Stichwahl

Die wahlentscheidende Wirkung des Aufrufs der Grünen wird unter anderem durch die Zahlen des Amtes für Statistik im Wiesbadener Rathaus gestützt. Dessen Leiter Christian Hepp kam zu dem Schluss, Gerich habe vor allem in den Hochburgen der Grünen gepunktet und „das gesamte Linken-Spektrum hinter sich versammelt“. Mehr als 71 Prozent stimmten in diesen Bezirken für ihn. Außerdem konnte Gerich vor allem Frauen und jüngere Wähler für sich gewinnen. Gerich sei ein riesiger Sprung gelungen, so Hepp. Er habe viel mehr erreicht, als die SPD-Klientel erwarten ließ.

Auch Sidiani bewertete das Ergebnis durchweg positiv, obwohl der OB nun kein Grüner ist, sondern eben ein Sozialdemokrat: „Das Wichtigste ist doch, dass die inhaltlichen Schnittmengen groß genug sind. So konnten wir als rot-grünes Wahlbündnis eine Aufbruchstimmung erzeugen, die zu einer Mehrheit links der Mitte geführt hat. Das ist doch ein sehr positives Signal für die Landtagswahl in Hessen und die Bundestagswahl.“

Was bedeutet Wiesbaden für Berlin? – Drei zentrale Lehren

Aus der bemerkenswerten Wiesbadener Geschichte lassen sich mehrere Schlüsse für die aktuelle bundespolitische Situation und den rot-grünen Wahlkampf ziehen.

1.     Ein rot-grüne Kooperation mit realistischer Machtoption ist attraktiv – für die Wähler und die Parteien

Durch einen demonstrativen Schulterschluss zwischen Rot und Grün wurde in Wiesbaden eine realistische Machtperspektive deutlich. Die Gelegenheit, den alten Amtsinhaber abzuwählen und die positiv wahrgenommene Kooperationsbereitschaft von SPD und Grünen führten zu einer überdurchschnittlich starken Mobilisierung der rot-grünen Wählerschaft. Doch auch die beiden Parteien selbst können Nutzen aus der Zusammenarbeit ziehen, indem inhaltliche Konzepte und Positionen gemeinsam erarbeitet werden.

2.     Kandidaten mit einem rot-grünem Profil haben gute Chancen auf Wahlerfolg

Sein eher unkonventionelles Profil dürfte dem neuen Wiesbadener Oberbürgermeister in der Stichwahl besonders zu Gute gekommen sein. Der gerade mal 38-Jährige ist gelernter Möbeltischler und war Geschäftsführer einer Druckerei, bevor er als Quereinsteiger in die Politik wechselte. Diese Geschichte verfängt sofort. Seine Herkunft mag als sozialdemokratisch bezeichnet werden, seine offen homosexuelle Lebensweise verkörpert jedoch auch das progressive und weltoffene Lebensgefühl, das urbane grüne Wählergruppen heute prägt. Die Kombination sozialdemokratischer und grüne Werte spiegelten sich also auch im Kandidaten selbst wieder und führten zu einer besonders hohen Wählermobilisierung.

3.     Erfolgreicher Wahlkampf fußt auf der geschickten Verknüpfung traditioneller und neuerer Elemente

Sven Gerich machte nicht den Fehler, seinen traditionellen Wahlkampf nur um einen Online-Auftritt zu ergänzen, sondern erkannte die Synergien, die sich aus einer geschickten Verknüpfung beider Wahlkampfformen ergeben können. Einerseits engagierte er sich im Haustürwahlkampf und packte selbst bei einfachen Arbeiten oft selbst mit an, andererseits stellte er solche Auftritte geschickt über die sozialen Medien dar. Auch seine Posts und Fotos waren kreativ und oftmals witzig. Aufgrund seiner interaktiven Herangehensweise und seiner offenen Art wirkte er schließlich auch besonders glaubwürdig und authentisch. Im Hinblick auf seine Wahlkampfführung und die Mobilisierung netzaktiver Wähler können viele Berliner Politiker als noch einiges von Gerich lernen.

 

Die rot-grüne Erfolgsgeschichte in Wiesbaden in der überregionalen Berichterstattung

„SPD-Sensation – CDU verspielt Zehn-Punkte-Vorsprung“ (Die Welt)

„Gerich punktet bei den Grünen“ (Frankfurter Rundschau)

„Sensation in Hessen – SPD-Herausforderer Gerich wird OB in Wiesbaden“ (Focus)

„Stichwahl in Wiesbaden – SPD-Kandidat schlägt CDU-Oberbürgermeister (Spiegel Online)

„Überraschungssieger SPD“ (die tageszeitung)

„Das Großstadt-Fiasko der CDU“ (ZEIT ONLINE)